Die Mauer in Mir
Die Mauer in mir ist ein dokumentarischer Kurzfilm, der sich mit der DDR-Fluchtgeschichte von Edgar Wilinski auseinandersetzt und diese aus einer generationenübergreifenden Perspektive rekonstruiert. Ausgangspunkt ist nicht die heroische Erzählung einer Flucht, sondern die Frage, wie politische Systeme sich in Biografien einschreiben – und wie Erinnerung, Entscheidung und Freiheit miteinander verknüpft sind.
Der Film verbindet subjektive Zeitzeugenschaft mit historischer Kontextualisierung. Zentrale Erzählebene ist das Interview mit Edgar Wilinski, dessen persönliche Erinnerung nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als bis in die Gegenwart wirksame Erfahrung sichtbar wird. Ergänzt wird diese Perspektive durch die Stimmen seiner Brüder sowie durch institutionelle Einordnungen aus Gedenkstätten. Dadurch entsteht eine Mehrstimmigkeit, die familiäre Erinnerung, individuelle Loyalitäten und historische Deutungsrahmen nebeneinander bestehen lässt, ohne sie zu vereinheitlichen.
Gestalterisch folgt der Film einer klaren Trennung und gleichzeitigen Verschränkung unterschiedlicher Material- und Zeitebenen. Ruhige, zurückhaltend gefilmte Interviews bilden das emotionale Zentrum. Gegenwärtige Aufnahmen historisch belasteter Orte fungieren als Resonanzräume, in denen Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. Archivmaterial und Dokumente – Stasiunterlagen, Urteile, Fotografien – werden nicht illustrativ eingesetzt, sondern als sichtbare Spuren eines staatlichen Kontrollsystems. Rekonstruktive Bildwelten, die mittels KI generiert wurden, schließen narrative Lücken dort, wo keine historischen Bilder existieren. Ihre reduzierte, klar abgegrenzte Ästhetik macht ihre Konstruiertheit bewusst erfahrbar und verhindert eine Verwechslung mit dokumentierter Realität.
Auch Ton, Schnitt und Rhythmus folgen dem Prinzip der Zurückhaltung. O-Ton erhält Raum, Pausen und emotionale Brüche bleiben erhalten. Montage und Sounddesign steuern gezielt den Wechsel von Nähe und Distanz, ohne dramatische Überhöhung. Der Film setzt auf Nachvollziehbarkeit statt Effektdramaturgie und versteht Authentizität als Ergebnis verantwortbarer Gestaltung.
Die Mauer in mir begreift dokumentarisches Arbeiten als Form von Erinnerungsarbeit. Der Film zeigt, dass Freiheit nicht nur ein historischer Zustand ist, sondern ein biografischer Prozess, der Entscheidung, Verlust und Nachwirkungen einschließt – und als Erfahrung weitergegeben wird.